Klaus-Peter Neßler

Motive finden


Warum finde ich keine Motive?

Das ist eine Frage die sich jeder Fotograf von Zeit zu Zeit stellt
und manchmal verzweifeln lässt.

Wieso sprudeln manchmal  die Bildideen geradezu aus einem heraus
und manchmal kann man sich bemühen wie man will,
aber man findet keine ansprechenden Motive?

Diese Frage hat weniger mit dem Fotografieren zu tun,
sondern mehr damit wie man die Welt wahrnimmt
und mit Schubladen.

Das hört sich ein bisschen komisch an,
aber Schubladen spielen hierbei eine wichtige Rolle.

Dazu ist es wichtig zu wissen wie die Wahrnehmung des Menschen funktioniert.

Gehirnforscher werden sich jetzt die Haare raufen.
Doch so habe ich das Thema für mich verstanden.

Das Gehirn ist bestrebt seine Leistung sinnvoll einzuteilen.

Wenn man jede Kleinigkeit bewusst wahrnehmen würde,
könnte unser Gehirn diese Menge von Daten,
die uns ständig überschwemmen nicht verarbeiten.

Deshalb bedienen wir uns eines Tricks.
Alles was wir kennen, bzw. schon einmal erkundet haben,
wird in einen Schublade gepackt. Die Schublade wird beschriftet,
damit wir diese auch wieder finden können.


Aussen auf der Schublade stehen auch Anleitungen
wie wir uns verhalten wollen und
welches Gefühl zu dem auftauchenden Begriff passend ist.

Das bedeutet, wenn ein bestimmter Begriff auftaucht,
schauen wir meist nur aussen auf die Schublade,
in uns kommt ein bestimmtes Gefühl hoch und
wir reagieren entsprechend den Anweisungen
die auf der Schublade stehen ohne nachzudenken.


Dieses verhalten spart natürlich "Rechenleistung".
Doch genau das ist die Falle in die man als Fotograf tappen kann.

So kann es zum Beispiel sein, das einer der in der Südsee aufgewachsen ist
genauso darunter leidet keine  Landschaftsmotive in der Südsee zu finden,
wie jemand der in Deutschland im Schwarzwald aufgewachsen ist
und dort keine Motive mehr findet.

Man kann sich das nur sehr schwer vorstellen.

Doch stell Dir vor Du bringst den einen von den Südsee in den Bayerischen Wald,
oder den deutschen in die Südsee.

Die Umgebung wäre neu und interessant.
Sofort würden die Fotoideen wieder sprudeln.

Doch wie kommt man aus diesem Dilemma heraus.
Die erste Antwort wäre: „Fahr doch in dies Südsee“.

Natürlich würde das funktionieren, auf der ganzen Welt herumzufliegen
und interessante Motive zu suchen.
Manche Fotografen tun dieses und liefern uns berauschende Aufnahmen,
z.B. von der Südsee.

Doch für uns normalbetuchten ist das im besten Fall im Urlaub möglich.

Aber die Motive sind doch da.
Direkt vor unserer Nase.
Man muss sie nur wieder sehen und erkunden lernen.  

Also wie macht man das?
Achte darauf wie Du die Dinge siehst.
Lerne aus Deinem eigenen Sehverhalten.
Andere werden ähnlich sehen, Bilder ähnlich interpretieren.

Wenn Du ein Bild ansiehst, oder eine Szene in der Du Dich befindest,
wirst Du als erstes einen reduzierten grafischen Bildeindruck erhalten.
Linien und Flächen erregen deine Aufmerksamkeit und
lenken Dein Auge auf interessante Bereiche.

Dann wirst Du Farben und Helligkeiten erkennen.
Dies alles passiert in Bruchteilen einer Sekunde.
Das ist ein erlerntes aber zum großen Teil auch ererbtes Sehverhalten.

Die Steinzeit lässt grüßen.

In dieser Zeit ging es darum Feinde schnell zu erkennen
und Nahrung sicher zu finden.

Also ums überleben.

Das ist zum Beispiel der Grund warum z.B.
zwei eng zusammenliegende Punkte
unsere Aufmerksamkeit erregen.
Denn es könnten Augen sein.

Augen sind sehr wichtig,
denn diese könnten zu einem Feind,
oder Raubtier gehören,
aber auch zu einem Weibchen,
oder einem Tier das als Futter dienen könnte.

In einer bekannten Umgebung kannst Du
ohne das Gehirn anzustrengen
auf Deine abgespeicherten Erfahrungen,
auf die Schubladen zurückgreifen und reagieren.
Also bleibt nichts mehr übrig was interessant genug wäre zu erkunden,
oder fotografiert zu werden.


Aber es geht auch anders.

Der Trick hierbei ist auch bekanntes,  
vermeintlich uninteressantes so zu erkunden,
als ob es neu für Dich wäre.
Also die Schubladen wieder zu öffnen.

Da jedoch dieses Erkunden normaler Weise unbewusst abläuft,
ist uns nicht geläufig Dinge die schon in einer Schublade gelandet sind
neu zu erkunden.
 

Also wie funktioniert  das Erkunden eines Dingens das man schon kennt?
Als erstes muss man sich ein Dingens aussuchen, das man erkunden möchte.
Für den Anfang ist es erst einmal egal was das ist.
Aber Du wirst erkennen, dass es ist gar nicht so einfach ist
etwas zufällig auszuwählen.

Unser Gehirn will das einfach nicht zulassen.
Aber jetzt wollen wir uns anders verhalten.  

Deshalb lass einfach mal die Schubladen gesteuerte Auswahl weg.
Egal wo Du gerade bist, schließe die Augen (bitte nicht beim Autofahren).
Warte einige Sekunden ab, aktiviere alle Deinen Sinne außer eben das sehen.
Höre, fühle, rieche dabei was um dich geschieht.
Dann öffne deine Augen. 

Das erste was Deine Aufmerksamkeit erregt ist es, das Dingens.
Es ist das was Du suchst
Dieses Dinges kann noch so banal sein
Lass Dich nicht ablenken, nimm es und untersuche es. 

Nähere Dich dem Dingens so wie es ein Kind tun würde.
Beachte die Größe, die Form, die Farbe.
Wie sieht es aus einer anderen Richtung aus?
Schaue es von oben und von unten an.
Wie beeinflusst das Licht das aussehen?
Gibt es Schatten, oder Glanzlichter? 

Und wenn Du dann Deinen Fotoapparat zur Hand nimmst,
wirst Du wieder Bilder Finden.
 

Und denke mal darüber nach ob unscharfe,
unter- oder überbelichtete Bilder
wirklich gelöscht werden müssen.

Oder entsprechen diese Bilder nicht viel mehr unserem Wesen
als glatte, scharfe, in mittleres Grau getauchten Abbildungen.

Lass es zu, es wird Zeit die Schubladen zu verlassen.

Bei dieser Übung kann der Fotoapparat einen Hilfe sein, muss aber nicht.
Das Ganze geht auch ganz ohne, jederzeit und überall.